Kurzgeschichte: Leben in Watte

Tagelang war der Zugriff vorbereitet worden. Die Männer gehen in Stellung. Es ist drei Uhr morgens. Ein Hund bellt hinter der verschlossenen Wohnungstür. Der Rammbock trifft auf die Holztür, welche splitternd den Weg freimacht. Der Hund greift an. Zwei Feuerstöße. Der Hund und sechs Patronenhülsen fallen den Beamten vor die Füße.

Die Männer stürmen die Wohnung, mit ihren Waffen im Anschlag. Es ist dunkel. Das einzige Licht kommt von den Taschenlampen an den Waffen. Die Lichtkegel huschen über die Wände und durch die Zimmer. Eine völlig überraschte und verwirrte Frau im Schlafanzug wird angeleuchtet. Mehrere Lichtkegel richten sich auf sie. Sie starrt regungslos in die Läufe der Waffen. Die Polizisten rufen: “Runter! Auf den Boden!” Doch der Satz ist noch nicht einmal beendet, als einer der Männer schon bei der Frau steht.

Er wirft sie zu Boden. Sie schlägt hart auf. Ein Zahn landet auf dem Teppichboden. Der Mann dreht ihr die Arme auf den Rücken. Sie schreit vor Schmerz. Er fesselt sie mit einem Kabelbinder. Er zieht sie fest, bis es nicht mehr geht. Das Plastik schneidet sich in ihre Handgelenke. Er reißt sie nach oben. Die Männer schleifen sie aus der Wohnung. Noch immer sind einige Läufe auf sie gerichtet. Sie wird in einen Streifenwagen gesteckt.

Die Männer sind erleichtert. Endlich ist sie gefasst. Auf dem Revier wird sie direkt verhört. Stundenlang. Immer wieder werden ihr die Fotos gezeigt. Blutige Leichen. Sie wird angeschrien. Aus allen Augen schlägt ihr purer Hass entgegen. Sie ist völlig verwirrt, bringt kein Wort heraus. Sie soll endlich gestehen, wiederholen die verschiedenen Beamten immer wieder. Sie stottert: “Ich hab damit nichts zu tun”. Sie wird unsanft hochgerissen. Zu einer Zelle geschleppt. Hineingeworfen. Sie fällt auf die kalten, harten Kacheln. Sie fällt in Ohnmacht.

Sie wacht auf, als zwei Männer sie hochheben. Es ist hell. Durch das vergitterte Fenster fällt blendendes Licht. Sie wird in einen Streifenwagen gesetzt. Auf jeder Seite ein Bewacher. Sie halten sie mit schmerzhaftem Griff fest. Der Wagen fährt in einem Konvoi, aber nicht lange. Sie wird hinausgezerrt. In ein Gebäude geschleppt, dann in einen Gerichtssaal. Sie ist wie betäubt. Sie stellt keine Fragen. Der Staatsanwalt listet in Stichworten eine Reihe von Mordfällen auf. Sie sagt kein Wort. Sie nimmt das Urteil kaum wahr. In der Zelle der Untersuchungshaftanstalt versucht sie sich zu sammeln. Ihr Kopf dreht sich. Ihr wird schwindelig. Sie fällt auf das Bett. Ihr wird schwarz vor den Augen.

Ein älterer Mann weckt sie. Er stellt sich als Anwalt vor. Sie versucht zu verstehen was mit ihr passiert ist. Er erklärt ihr, dass sie zahlreicher Morde bezichtigt wird. Auch Polizisten. Daher der Hass. Die Beweise sind erdrückend, sagt der Anwalt. Eindeutige DNA-Spuren. Hoffnungslos. Ein verlorener Fall. Der Anwalt kann ihr keine Hoffnung machen. Er geht wieder. Die Zellentür schließt sich. Sie ist allein. Verzweifelt.

Nacht für Nacht träumt sie von einem elektrischen Stuhl. Sie weiß, dass es die Todesstrafe hier nicht mehr gibt, aber dennoch wacht sie jede Nacht auf. Schweißgebadet. Verängstigt. Der Arzt gibt ihr Tabletten. Auch welche gegen den Schmerz. Die Schulter ist geschwollen.  Den ganzen Tag sitzt sie in der Zelle und denkt nach. Sie weint. Sie weiß nicht, was sie getan hat. Sie rastet aus und schlägt gegen die Zellentür. Der Wächter schreit sie zusammen. Auch hier nur Hass. Überall.

Sie erfährt lange nichts neues. Die Ermittlungen laufen. Der Anwalt kann ihr nichts neues sagen. Angehörige hat sie nicht. Monate später wird sie abgeholt. Zum Prozess. Sie beteuert ihre Unschuld. Die Staatsanwältin trägt die Beweise vor. Die Angeklagte schweigt. Der Anwalt auch. Es gibt nicht viel zu sagen. Die Spuren sind eindeutig. Die Staatsanwältin plädiert auf lebenslänglich. Mord. Besondere Schwere der Schuld. Der Anwalt bringt seinen Antrag kaum über die Lippen. Er betont, dass nur die DNA-Spuren auf seine Mandantin zeigen. Freispruch, beantragt er. Aus Mangel an Beweisen. Sie hat das letzte Wort. Sie beteuert ihre Unschuld. Die Richter ziehen sich zurück.

Die Richter kommen wieder. Schuldig, lautet das Urteil. Lebenslänglich. Mord. Besondere Schwere der Schuld. Keine Reue. Sie bricht weinend zusammen. Sie wird abgeführt. Im Gefängnis zeigen alle Wärter ihren Hass. Der Anwalt legt keine Berufung ein. Sinnlos.

Ein Jahr später. Sie ist völlig verwahrlost, mit den Nerven am Ende. Zweimal hat sie versucht, sich umzubringen. Der Anwalt taucht auf. Spricht von neuen Erkenntnissen. Macht ihr Hoffnung. Sie glaubt ihm nicht. Sie hat aufgegeben. Ein neuer Prozess beginnt. Sie versteht immer noch nicht warum sie im Gefängnis ist. Sie versteht den Prozess nicht. Es ist ihr egal. Sie sagt kein Wort. Sie hört nicht zu. Der Anwalt redet und redet. Der Richter spricht sie frei. Sie merkt es nicht. Sie starrt ins Leere. Als ihr die Handschellen abgenommen werden, bleiben ihre Hände verschränkt. Erst im Gespräch mit dem Anwalt begreift sie, was passiert ist. Die Spuren waren falsch. Ein Irrtum.

Sie wird aus dem Gefängnis entlassen. Der Anwalt ruft ihr ein Taxi. Sie fährt zu ihrer Wohung. Die Tür ist ersetzt. Sie hat einen Schlüssel bekommen. Sie schließt auf. Auf dem Teppich im Flur ist immer noch eine Blutlache. Hundeblut. Sie erinnert sich. Ihr geliebter Blacky. Tot. In ihrem Schlafzimmer findet sie ihren Zahn. Alles ist zerwühlt, als hätten Einbrecher gewütet. Auf dem Boden liegt ein gelber Zettel. Durchsuchungsprotokoll. Es klopft an der Tür. Sie öffnet. Ein Stapel Post liegt auf der Fußmatte. Post von fast 2 Jahren. Die Nachbarin, die die Post dort abgelegt hat, zieht schnell die Tür hinter sich zu. Die Frau sieht zitternd die Post duch. Werbung, Kontoauszüge, Rechnungen, Mahnungen. Eine Kündigung. Ihr Job ist weg. Ihr Konto überzogen. Sie hat niemanden mehr. Sie hat ihr ganzes Leben verloren.

Die Nachbaren sprechen nicht mit ihr. Am nächsten Tag steht die Presse vor der Tür. Sie schlägt die Tür zu. Die Reporter belagern das Haus. Sie hat keine Hoffnung mehr. Fast zwei Jahre im Knast. Nichts mitbekommen. Wie soll sie einen neuen Job finden? Mit dem Lebenslauf?

Ein Nachbar klingelt. Sie antwortet nicht. Er klopft. Sie antwortet nicht. Er ruft. Sie antwortet nicht. Er gibt auf. Geht. Eine Woche später wird die Tür aufgebrochen. Nachbarn haben sich über Gestank beschwert. Sie liegt in der Badewanne. Tot. Mit offenen Pulsadern. Auf dem Boden liegt eine Schachtel Wattestäbchen verteilt. Sie hat sie selbst verpackt, in der Firma, wo sie zwei Jahrzehnte gearbeitet hat. In der Firma, in der sie auch die Wattestäbchen verpackt hat, die sie schließlich der Morde überführten, die sie nie begangen hatte.

Der Fernseher läuft. Die Firma ist insolvent. Schadenersatzklagen in Milliardenhöhe. Am Ende des Berichts wird in einem halben Satz das Schicksal der Wattestäbchenpackerin erwähnt. Als sie verhaftet und verurteilt wurde, liefen die Berichte über eine Woche. Jetzt jedoch ist nach zwei Tagen alles vorbei. Weit weg, in einem hell erleuchteten unterirdischen Raum, nimmt ein Beamter ein Backupband aus einem Laufwerk. Er nimmt einen Stift und beschriftet es sorgfältig. “DNA-Profile (Erkennungsdienst)”. Er legt es in einen Tresor und schließt ihn. Der Server, aus dem das Band stammt, vergleicht das nächste Wattestäbchen mit der Datenbank.

Die Geschichte ist erfunden. Sie orientiert sich am Fall des “Phantoms von Heilbronn“. Dabei wurden aufgrund verunreinigter DNA-Proben zahlreiche Taten einer unbekannten weiblichen Person zugeordnet, die mit fragwürdigen Maßnahmen wie Speichelproben bei Verkehrskontrollen gesucht wurde. Die Geschichte spielt mit dem Gedanken was hätte passieren können, wenn eine dieser “freiwilligen” Speichelproben auf die vermeintliche Täterin hingewiesen hätte, bevor die Kontamination des Probenbestecks klar wurde. Sie zeigt eindrucksvoll die Gefahren vermeintlich unfehlbarer Fahndungstechniken und riesiger Datenbanken. Der Schluss weist nochmal darauf hin, dass sich an der fragwürdigen Praxis, möglichst viele DNA-Proben zu sammeln, vermutlich nicht viel ändern wird.

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  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 2009-04-04 um 01:10 UTC | #1

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