Archiv

Archive for 2007-02-10

Nehmt Abschied, Brüder, Jugendschutz…

2007-02-10 21 Kommentare

Der Freistaat Bayern (also die CSU bzw. Stoiber) hat vor ca. einer Woche einen „Gesetzesantrag“ gestellt, der „den Jugendschutz verbessern“, also die sogenannten „Killerspiele“ verbieten soll. (Update: Dieser wird jetzt im Bundesrat diskutiert) Ich habe diesen nun analysiert. Vorweg: Das Strategiespiel Age of Empires würde vermutlich indiziert werden und einen Fünfzehnjährigen an einer kostenpflichtigen PONG-Konsole spielen zu lassen könnte bis zu einer halben Million Euro kosten. Meine Kritik hier zunächst in einer „kurzen“ Zusammenfassung (so kurz es geht, ohne den Inhalt zu zerlegen), ich bitte aber darum, die vollständige Version trotzdem zu lesen!

  • Amokläufe werden als Begründung benutzt, um das Gesetz zu rechtfertigen, ohne Beweise dafür zu bringen, dass „Killerspiele“ diese (mit)verursacht haben. Dabei werden Halbwahrheiten und manipulative Formulierungen und Strukturen eingesetzt.
  • Die Wirkungslosigkeit des bisherigen Jugendschutzes wird zwar eingesehen aber nicht darauf zurückgeführt, dass die Probleme anderswo liegen und somit durch mehr Einschränkungen nicht gelöst werden können, stattdessen wird versucht, durch mehr Einschränkungen Wirkung zu erreichen.
  • Das Gesetz schießt weit über das Ziel hinaus:
    • Alle auch nur im Ansatz gewalttätigen Spiele werden komplett verboten, unter anderem auch Strategiespiele wie Age of Empires (es sei denn, man sieht es nicht als unmenschlich an, Menschen mit griechischem Feuer bzw. Feuerkatapulten zu verbrennen).
    • Dadurch wird die ohnehin nur spärliche Spieleindustrie in Deutschland nahezu zerstört, so z. B. auch die Vorzeigefirma CryTek (FarCry-Macher), außerdem gehen Steuereinnahmen durch Spieleverkäufe verloren und die Wirtschaft wird geschädigt.
    • Die Verfügbarkeit betroffener Spiele wird auch für Erwachsene stark reduziert, d. h. von Jugendschutz kann nicht mehr die Rede sein.
  • Die Zusammenfassung des Gesetzes enthält nicht die ganze Wahrheit, einige sehr unschöne Dinge werden im schwer lesbaren Gesetzestext versteckt, den wohl nur wenige Abgeordnete lesen werden. Neben den Einschränkungen bei Killerspielen werden gleich noch viele der restlichen feuchten Träume der CSU durchgeschmuggelt (bzw. es wird versucht):
    • Eltern dürfen ihren Kindern keine Pornos zeigen, selbst wenn sie dabei den Erziehungsauftrag nicht verletzen. Dies war bisher erlaubt.
    • Die Indizierungsgrenzen werden stark gesenkt:
      • Medien, die bisher geprüft worden wären, sind z. T. automatisch indiziert
      • Die freiwillige Selbstkontrolle (FSK) wird den Obersten Landesjugendschutzbehörden unterstellt, somit wird quasi eine Zensurbehörde geschaffen und die FSK zu einer Marionette
      • Um Medien zu indizieren, ist nicht mehr eine 2/3-Mehrheit bei der BPjM nötig, eine einfache Mehrheit reicht
      • Die Grenzen für eine spätere Indizierung eines schon geprüften Spiels werden extrem gesenkt, Willkür und Missbrauch werden Tür und Tor geöffnet
      • Spiele, bei denen Verbrechen nicht bestraft werden, werden indiziert (Eine Indizierung von Spielen, die Verbrechen belohnen, wäre noch zumindest nachvollziehbar, aber dies ist realitätsfremd!)
      • Ein großer Teil nicht sonderlich gewalttätiger Spiele dürfte indiziert werden
    • Zensurbestrebungen werden deutlich, eine Beschränkung von Sperrungen jugendgefährdender Seiten durch Provider auf System die von Kunden ein- und ausgeschaltet werden können wurde aufgehoben
    • Mitarbeitern ausländischer Spielefirmen, die Demoversionen ins Internet stellen, könnte in Deutschland die Verhaftung drohen
    • Paintball– und Softairspiele, eine z. B. im Vergleich zu Boxen nicht sonderlich gewalttätige und menschenverachtende Sportart, werden verboten und unter Strafe gestellt
  • Das Gesetz ist wirkungslos. Jugendliche können sich die Spiele weiterhin illegal und kostenlos über das Internet verschaffen, was nur dazu führt, dass die Wirtschaft geschädigt wird. Dies kann nur durch flächendeckende Internetzensur verhindert werden, die allerdings nur in Diktaturen (und den feuchten Träumen der CSU) denkbar ist, nicht jedoch in einem freiheitlichen Land wie der BRD.
  • Willkommen in Absurdistan – einige der Auswüchste dieses Gesetzes sind nahezu unvorstellbar:
    • Sollte jemand eine kostenpflichtige PONG-Konsole aufstellen (die eigentlich für Kinder ab 3 Jahren geeignet ist und keinerlei Gewalt enthält) und einen 15-jährigen darauf spielen lassen, droht ihm eine Geldbuße in Höhe von bis zu einer halben Million Euro.

Aus diesen Gründen darf dieses Gesetz meiner Meinung nach nicht verabschiedet werden. Ich werde vermutlich morgen oder so eine Mail an einige Abgeordnete schreiben und schauen was für eine Antwort ich erhalte.

Kommentare sind erwünscht, falls irgendwas unklar ist, ich Mist gebaut habe, etwas zu ergänzen ist etc. Kommentare erscheinen erst nach manueller Freischaltung, sry, geht nicht anders, da der Spamfilter nicht alles erschlägt und ich keine Werbung für Kinderpornographie in meinen Kommentaren haben will. Alle Kommentare bis auf Spam oder rechtlich bedenkliches (ein Aufruf zur Tötung von CSU-Politikern, auch wenn er sich auf Art. 20 Abs. 4 GG beruft, würde darunter fallen) wird freigeschaltet. Bei rechtlich problematischen Sachen behalte ich mir vor, den Kommentar zu editieren (worauf ich natürlich einen Hinweis hinterlassen werde)

Vollständigen Text anzeigen