Terroranschlag in Bad Homburg

Die Medien beschäftigen sich derzeit primär mit der Verhaftung dreier Terroristen, die offenbar einen Sprengstoffanschlag planten. Dabei gab es in Bad Homburg am 5.9.2007 gegen 8 Uhr deutscher Zeit einen leider erfolgreichen Terroranschlag, an dem vermutlich sogar Behörden und/oder die Deutsche Bahn beteiligt waren. Dabei gab es mindestens 50 Opfer, und das sind die, die ich selbst zählen konnte. Da der Anschlag mehrere Kilometer weite Auswirkungen hatte, ist jedoch anzunehmen, dass die tatsächliche Anzahl der Opfer deutlich höher liegt. Dabei wurde bedeutende Infrastruktur lahmgelegt.

Wie genau der Anschlag ablief, ist derzeit unbekannt. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass als Tatwaffe eine besonders simple Einrichtung verwendet wurde, vermutlich handelte es sich um einen handelsüblichen Rucksack oder eine Tasche bzw. einen Koffer. In Folge dessen wurde der Bahnhof Bad Homburg – auch für durchfahrende Züge – gesperrt. Unabhängig davon, ob die „Tatwaffe“ absichtlich oder versehentlich auf dem Bahnhof liegen gelassen wurde, ist der größte Schaden also durch die (Über-)Reaktion der Behörden entstanden. Der Berufsverkehr wurde in der Region eine halbe Stunde stark behindert.

Hier sieht man, dass Terror nicht von Terroristen ausgeht, sondern von denen, die überreagieren und dadurch wirklichen Schaden anrichten. Vermutlich hat es sich einfach um einen vergessenen Koffer gehandelt und nicht um einen Terroranschlag. Erst durch das Verhalten der Behörden wurde Schaden und Schrecken erzeugt. Und Terror ist nichts anderes als Schrecken, wer es nicht glaubt, möge in einem lateinischen Wörterbuch nachschlagen. Wer sind hier also die Terroristen?

Ich werfe den Behörden natürlich nicht vor, vorsätzlich zu handeln, ich glaube, so weit sind wir noch lange nicht. Allerdings ist dringend ein Umdenken nötig. Denn wenn es so weiter geht, wird es nicht lange dauern, bis Terroristen anfangen, auf diese Art und Weise Terroranschläge zu verüben. Die dafür nötigen Werkzeuge (leere Koffer) können erschreckenderweise im Internet oder im Handel für weniger als 30 EUR teils schon im Dreierpack bezogen werden! (Verbietet Koffer – Jetzt!)

Sicher werden einige jetzt sagen, dass die Gefahr besteht, dass doch eine Bombe in einem Koffer ist und dass man deswegen immer solche übertriebenen Maßnahmen treffen muss. Genauso könnte sich aber in jeder herumliegenden Coladose ein Sprengsatz verstecken, und es rückt trotzdem kein Bombenräumkommando an, um jeden Tag die Straßen zu fegen. Und unter jedem achtlos weggeworfenen Papiertaschentuch könnte eine Mine liegen. Maßnahmen gegen solche Bedrohungen machen Sinn, wenn die Bedrohung so groß ist, dass sie die Schäden durch die Gegenmaßnahmen übersteigt, z. B. im Irak. Wir sind hier aber nicht im Irak. Mülleimer sind übrigens recht beliebte Bombenverstecke. Ist das ein Grund, sämtliche Mülleimer (am Besten vom Bombenräumkommando) abmontieren zu lassen? London hat es getan, und braucht jetzt Kameras, um zu verhindern, dass die Menschen einen Müll auf die Straße werfen. Die Anti-Terror-Maßnahmen verursachen meist mehr Schäden, als sie verhindern – siehe das völlig sinnfreie Verbot, 1 Liter Flüssigsprengstoff in einer Flasche an Bord eines Flugzeugs zu nehmen, während 1 Liter Flüssigsprengstoff in 10 Fläschchen zu je 100 ml inkl. Beutel zum Mischen völlig ok sind.

Allerdings – und hier muss ich der Aussage, die Schäuble (in einem anderen Kontext) gemacht hat, leider zustimmen: Es macht einfach keinen Sinn, mit sachlichen Argumenten zu arbeiten. Eine noch so kleine Terrorgefahr reicht aus, damit die Bevölkerung sämtliche sinnfreien Maßnahmen fordert, die jemandem einfallen können.

Ich möchte wieder einmal auf den Verkehr hinweisen: Jedes Jahr gibt es ca. 5000 Verkehrstote in Deutschland. Wenn man sämtliche Kraftfahrzeuge verbieten würde, dürfte diese Zahl deutlich sinken. Dennoch schlägt keiner diese „logische“ Lösung vor, da hier offensichtlich ist, dass die Nebenwirkungen unvertretbar wären. Bei Anti-Terror-Maßnahmen hingegen sind oft nur relativ kleine Einschränkungen (hier und da mal ein Flughafen für ein paar Stunden lahmgelegt oder ein paar abstrakte, nicht unmittelbar spürbare Bürgerrechte abgeschafft) zu spüren. Da Terroranschläge immense Wirkung auf die Öffentlichkeit haben (eigentlich ohne wirklichen Grund – ein Terroranschlag mit 5 Toten verdient eigentlich nicht viel mehr Aufmerksamkeit, wie ein Fahrer, der mit Tempo 180 einen vollbesetzen PKW rammt und die Insassen tötet), werden die nicht so stark spürbaren Maßnahmen dagegen eingesetzt, egal ob sie wirksam sind oder nicht und egal, wie viel Schaden sie anrichten. Das ist der Terrorismus. Die Toten sind nur ein Mittel zum Zweck.

Außerdem: Wie gerade auch am aktuellen Fall zu sehen ist – Terror verhindert man nicht am Tag des geplanten Anschlags, sondern im Vorfeld.

Weswegen ich unter diesem Betreff schreibe? Natürlich ist der Titel reißerisch. Ich will damit zeigen, wie sinnfrei solche Maßnahmen sind, und dass sie eigentlich nichts anderes als erfolgreicher Terror sind. Im Gegensatz zu „richtigem“ Terror finden sie jedoch leider zu wenig Echo in den Medien (zu obigem Vorfall habe ich genau eine Quelle gefunden), denn wenn über jeden dieser Fälle berichtet würde, würde schnell klar werden, dass solche Aktionen ein ernsthaftes Problem darstellen – im Gegensatz zur „Terrorgefahr“. Früher hätte man den Koffer einfach ins Fundbüro gebracht. Heute wird das Bombenräumkommando gerufen.

  1. 2007-09-05 um 23:43 UTC

    Das selbe Spiel gab es gestern (5.9.2007) Nachmittag hier in Aachen. Durch eine Bombendrohung. Gefunden wurde natürlich nichts, aber eine Vollsperrung des Hauptbahnhofs löste natürlich ein gewisses Verkehrschaos aus und dürfte das Geltungsbedürtnis des „Scherzkeks“ befriedigt haben. Daß man durch diese Überreaktionen Nachahmer geradezu dazu animiert ähnliche Hinweise abzusetzen, ist zumindest mir völlig einleuchtend. Daß die Presse und der Rundfunk diese Ereignisse dann auch noch übermäßig hochspielen verschlimmert die Situation nur. Totschweigen und unauffällig Spürhunde einzusetzen wäre wohl eine effektivere Strategie. Insbesondere da kein echter Terrorist vorher eine Drohung ablassen würde, wenn er tatsächlich eine Bombe deponiert hätte; er würde sich nach dem Anschlag höchstens dazu bekennen.

  2. 2007-09-05 um 23:47 UTC

    Nachtrag: Dieser Artikel von Twister schlägt in eine ähnliche Kerbe: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26051/1.html

  3. talented
    2007-09-07 um 10:43 UTC

    Jan, genial!!!

    Kennst du die Fälle von plötzlicher Selbstentzündung, bei der Menschen von einer Sekunde auf die andere ohne Ursache in Flammen aufgehen?
    Warum verbieten wir nicht einfach Menschen an öffentlichen Plätzen?!

  1. 2007-09-06 um 09:24 UTC
  2. 2010-06-12 um 17:29 UTC

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