Geschickte Argumentationen

Mir ist gerade eine sehr geschickte, ziemlich unfaire Argumentationsweise aufgefallen. Es geht darum, dass Unternehmen in Berlin dazu gezwungen werden sollen, Wasser von der Stadt zu kaufen statt es selbst zu fördern (das ist für das Verständnis der Sache wichtig, aber nebensächlich, es geht um die Art, wie argumentiert wird). Es geht um diesen Artikel im Tagesspiegel. Zitat:

Das Verbot der Eigenförderung von Wasser gefährde besonders bei metallverarbeitenden Betrieben und der Lebensmittelindustrie die Wettbewerbsfähigkeit und damit letztlich auch Arbeitsplätze, sagte Eder. Für alle auf das Produktionsmittel Wasser angewiesenen Unternehmen sei der Anschluss- und Benutzungszwang Gift. Zudem verwies der IHK-Hauptgeschäftsführer darauf, dass ein Anschluss- und Benutzungszwang seiner Ansicht nach Wettbewerb verhindert.

Mit der Wahlmöglichkeit zwischen öffentlicher oder eigener Wasserversorgung hätten die Unternehmen bisher die Chance, in Berlin auch wasserintensive Produktionsstätten anzusiedeln. „Die IHK befürchtet, dass solche Betriebe mittelfristig schließen oder ganze Produktionszweige eingestellt werden“, erklärte Eder.

Natürlich spart die Eigenförderung Kosten (welchen Einfluss sie auf das Grundwasser hat, ist aber natürlich wieder fraglich) – und es scheint zunächst nachvollziehbar, dass mehr Kosten weniger Arbeitsplätze bedeuten (können) – wieder einmal das beliebte Spiel „entweder ihr sorgt auf Kosten der öffentlichen Kassen dafür, dass wir geringere Kosten haben, oder wir hauen ab und ihr habt mehr Arbeitslose“. So weit, so schlecht, eben die üblichen Erpressungsversuche, denen meiner Meinung nach aus Prinzip nie nachgegeben werden sollte – oft ist der einzige „Schaden“, der durch Einschränkungen entsteht, dass nur ein hoher statt einem abartig hohem Profit erwirtschaftet werden kann, insbesondere meist wenn bestimmte Arten von Lobbyisten solche Forderungen von sich geben.

Weiter geht es aber mit einem entscheidenden Fehler:

Ohnehin würden von den in Berlin verbrauchten rund 200 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr nur gut ein Prozent von Unternehmen selbst gefördert.

Das Argument „ist ja nicht so schlimm, also könnt ihr auch zu unserem Gunsten entscheiden“ ist alt, oft und sehr nervig. Und es gibt ein sehr schönes Gegenargument: „Ok, wenn es so egal ist, dann kann es euch doch egal sein“. Außerdem werden auch die ganzen Behauptungen oben relativiert: So viele Unternehmen/Arbeitsplätze werden dann wohl doch nicht betroffen sein. Entweder hier wird mit falschen/geschönten Zahlen argumentiert, oder die obigen Aussagen sind dreiste Lügen. Immer schön, wenn man die Zahlen, mit denen ein Gegner argumentiert, gegen ihn verwenden kann – die kann er nämlich (selbst wenn sie es sind) nicht so leicht für Unsinn erklären.

Das Sahnehäubchen kommt aber noch:

Die Schließung wasserintensiver Betriebe führe auch zwangsläufig zu einer Verteuerung des Trinkwassers in Berlin, ergänzte Eder. Das liege daran, dass ein rückläufiger Wasserverbrauch die ohnehin schon sehr hohen Betriebskosten der Wasserbetriebe weiter steigen lasse.

Ein Argument, was ohne näheres Nachdenken vielleicht akzeptiert wird und so die Position der Industrie stärkt – obwohl es ziemlich offensichtlicher Unsinn ist, wenn man darüber nachdenkt: Eine solche Regelung betrifft nur Betriebe, die Wasser selbst fördern. Wenn die deswegen zumachen, werden sie also weniger Wasser selbst fördern, aber nicht weniger Wasser von den Wasserversorgern kaufen, da sie ja eh selbst fördern. Auf die Wasserpreise hat es also keinen negativen Einfluss, im Gegenteil: Einige der Unternehmen werden „in den sauren Apfel beißen“ (siehe oben) und somit wird der Wasserverbrauch aus den Netzen der Versorger sogar steigen. Wasserintensive Betriebe, die ihr Wasser von den städtischen Wasserbetrieben beziehen, stört die Regelung eh nicht (sie kaufen ihr Wasser ja, statt es zu fördern), im Gegenteil, wenn ein höherer Verbrauch die Betriebskosten senkt und somit auch den Wasserpreis, profitieren sie sogar.

Wenn man die zunächst überzeugend klingende Argumentation konsequent weiterdenkt, sieht man schnell, dass – sofern nicht massiv Lügen eingebaut sind, was ich vermute – der Großteil der Betriebe von einer solchen Regelung eher profitieren würde und somit die IHK gegen die Betriebe argumentieren würde. Unwahrscheinlich? Ja – und daran sieht man, dass die Argumentation nur mit Scheinargumenten erfolgt (allerdings leider sehr geschickt).

Eine solche Praxis ist wohl leider nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Hier ist sie mir aufgefallen und kam mit besonders geschickt vor. Es ist jedoch wohl nur ein Teil der Spitze eines riesigen Eisbergs.

  1. Arne
    2007-10-02 um 09:27 UTC

    jetzt müsste man überlegen, welche Gründe die IHK haben kann um gegen die Betriebe zu argumentieren. Oder gibt es doch 1,2 Firmen, die davon profitieren würden, wenn sie eigenes Wasser fördern dürften, und diese Firmen bestimmen dann die Politik der IHK?

    btw. der Link zu dem Artikel aus dem Tagesspiegel ist kaputt.

  2. Jan
    2007-10-02 um 16:38 UTC

    Wie bereits gesagt, es schadet den meisten Betrieben nur, falls alle Aussagen ungeschönt und wahr sind. Ich bezweifle, dass ein höherer Wasserverbrauch bei den Versorgern die Preise sinken lässt (und somit auch, dass ein geringerer Verbrauch durch die Großverbraucher, die eh Sonderverträge haben dürften, die Preise hochtreibt, wie behauptet wird). Mal abgesehen davon könnte natürlich die Behauptung, dass 99% des Verbrauchs eh von den Versorgern gedeckt werden, falsch sein, oder zumindest kann die Zahl geschickt gewählt sein, weil sie die einzige aus einer Reihe von Angaben war, die sich gut verwenden lassen, obwohl die anderen Zahlen was anderes sagen. Ich gehe nicht davon aus, dass die IHK gegen die Betriebe argumentiert. Ich gehe davon aus, dass sie die Argumente frisiert hat.

    Außerdem finde ich es bemerkenswert, wie viele Sorgen sich die IHK sich um das Schicksal von Arbeitnehmern macht, als Arbeitgeber-Lobbyorganisation…

    Link korrigiert, ich hoffe, das ist mir nicht noch an anderen Stellen passiert. Danke für den Hinweis.

  3. 2007-10-02 um 17:37 UTC

    Ich kann im Augenblick nicht erkennen, warum es einen Monopolzwang geben soll. Ich habe keine Ahnung, ob die Berliner Wasserversorgung bereits privatisiert wurde (ich denke ja) – aber falls ja, dann handelt es sich um einen Kampf unterschiedlicher privater Interessenten.

    Und da bin ich im Zweifel immer für die Wahlfreiheit – und gegen das Monopol.

  4. 2007-10-02 um 18:07 UTC

    Für viele Lobbyisten und Verbände scheint eine „Argumentation“ eine Art Folklore zu sein, Staffage quasi für das Einfordern von Rechten und Ressourcen, die ihnen ohnehin zustünden. Das da oben erinnert mich an Mike Krüger: „Wir trinken wenig, aber oft und dann viel“. Leider sind die öffentlichen Stellen, in der Regel Kommunen, meist nicht willens und in der Lage, den Verursachern solcher „Argumente“ ihre Umverschämtheit angemessen zu vergelten. Im Gegenteil wird da regelmäßig gekuscht, wenn nur die Vokabel „Arbeitsplätze“ fällt.

  5. jajo
    2007-10-04 um 22:58 UTC

    Also sorry,
    aber man sollte schon mit der Materie vertraut sein über die man diskutiert.
    Das ein komunales Wasserunternehmen natürlich ein starkes Interesse daran hat, dass von wasserintensiven Betrieben die Abnahme bei ihnen stattfindet ist klar. Aber: unsere öffentlichen Wasserversorger liefern ein Lebensmittel.
    Ein Industriebetrieb braucht in erster Linie Brauchwasser. Dieses sollte sauber, muss aber nicht keimfrei sein. Einem Kühlagregat ist es ziemlich Wurst wieviel Colibakterien sich im Kühlwasser befinden. Das Problem da sind die Mineralien und vor allem das Kalzium. Und damit ist unser Trinkwasser entsprechend Trinkwasserverordnung gut gesättigt.
    Ein Lebensmittelbetrieb braucht natürlich keimfreies Wasser, aber in der Regel eine andere Mineralisierung als das städtische Trinkwasser. Für diese Betriebe lohnt es sich aber eventuell das „Stadtwasser“ entsprechend aufzuarbeiten.
    Warum aber eine Gießerei oder womöglich ein Kraftwerk teures und im Weltmaßstab knappes Trinkwasser verwenden soll, von der Kantine mal abgesehen, weiß ich nicht. Es ist schlimm genug, dass wir damit unsere S… den Lokus runterspülen!
    Hier geht es eindeutig um die wirtschaftlichen Interessen eines Monopolbetriebes! Auf diese Seite sollte man sich nicht stellen, auch wenn die Komune der Eigentümer ist.
    Das die Privatwirtschaft profitabel arbeiten muss ist klar. Aus dieser Normalität aber von Vornherein auf unsoziale Argumentation zu schließen hat etwas Absurdes. Es ist so, als würde ich einer Brauerei unterstellen den Alkoholismus zu fördern.
    Ich komentiere das jetzt nicht weiter. Denkt mal darüber nach!
    Gruß Jan

  6. Jan
    2007-10-04 um 23:04 UTC

    Ich habe bewusst (aus dem von jajo teilweise genannten Grund „zu wenig Ahnung vom Thema und keine Lust mich damit zu beschäftigen“) darauf verzichtet, mich an der Diskussion zu beteiligen, woher das Wasser kommen soll. Ich habe lediglich die manipulativen Methoden, mit denen die IHK argumentiert, kritisiert.

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