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ePerso: PIN-Diebstahl ohne Malware

2011-01-17 61 Kommentare

Der CCC hatte im September 2010 einen Angriff gegen den ePerso präsentiert: Ein Trojaner auf dem PC des Nutzers kann die PIN abfangen, wenn der Nutzer sie über die Tastatur eingibt. Das ist für jeden, der sich ein wenig auskennt, keine Überraschung – aber durchaus ein großes Problem für den realen Einsatz des Personalausweises.

Ich habe nun einen Angriff entwickelt, der in der Lage ist, die PIN des Nutzers zu stehlen, ohne Malware auf dem Rechner des Nutzers zu installieren. Wer sich das mal anschauen möchte, kann ja die Altersverifizierung für den (fiktiven) FSK18-Bereich der Piratenpartei-Website durchführen. (Die PIN wird bei der Demo natürlich nicht an den Server gesendet.) Wer den Angriff testen will, sollte das jetzt erstmal tun und nicht weiterlesen.

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Man kann den Angriff auch ohne Ausweis, Lesegerät und AusweisApp testen: Einfach eine sechsstellige PIN ausdenken und so tun als sei die AusweisApp installiert, das Lesegerät angeschlossen und der Ausweis aufgelegt.

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Der Angriff funktioniert ganz einfach: Mit JavaScript, HTML und Screenshots (also Bildern) wird eine AusweisApp im Browser simuliert. Der Nutzer denkt, er würde die echte AusweisApp sehen, und gibt seine PIN ein. In diesem Fall wird nach der PIN-Eingabe eine Auflösung angezeigt, bei einem echten Angriff bekäme der Nutzer eine Fehlermeldung zu sehen, damit er keinen Verdacht schöpft, und seine PIN würde an den Server geschickt. Die Fehlermeldung wäre auch nichts besonderes – bei den meisten Seiten funktioniert die Ausweisfunktion eh nicht. (Und auch sonst funktioniert an dem ganzen Projekt ziemlich wenig: Die Änderungs-Terminals spinnen, Sonderzeichen machen Probleme, und so weiter.

Bei dieser Simulation ist es nicht möglich, die PIN über die eingebaute Bildschirmtastatur einzugeben, die entsprechende Schaltfläche fehlt. Das hat allerdings nichts damit zu tun, dass das prinzipiell nicht möglich wäre, sondern dass ich faul bin und keine Lust hatte, noch ein Dialogfeld detailgetreu nachzubauen. Sollte also jemand als „wirksame“ Gegenmaßnahme vorschlagen wollen, die Bildschrimtastatur zu nutzen, kann ich das gerne noch nachreichen. Die Bildschirmtastatur schützt lediglich vor sehr einfachen Keyloggern, und vermittelt ansonsten nur ein falsches Gefühl der Sicherheit. Wer Ausweise missbrauchen will, wird sich beim Trojanerschreiben die Mühe machen, auch Eingaben über die Bildschirmtastatur zu erkennen – das ist keine Kunst, sondern Fleißarbeit.

Dieser Angriff nutzt keine Sicherheitslücke im Ausweis oder der AusweisApp aus, sondern die Tatsache, dass Nutzer nicht in der Lage sind, echt aussehende von echten Fenstern zu unterscheiden. Das könnte zwar zu der Behauptung führen, dass dieser Angriff -in der Theorie- gar kein richtiger Angriff sei – das Ergebnis ändert das aber nicht: Der Angreifer hat am Ende die PIN des Nutzers.

Diese Funktionsweise macht es umso schwieriger, den Angriff zu verhindern: Die letzte Sicherheitslücke in der AusweisApp, die ich gefunden hatte, ließ sich mit ein paar Zeilen Code und einem Update lösen. Dieses Problem hingegen lässt sich nur lösen, indem man den Nutzern beibringt, worauf sie zu achten haben – und sie dazu erzieht, auch tatsächlich daran zu denken, jedes mal auf diese Merkmale zu achten. Das ist allerdings sehr schwierig.

Bei unvorsichtigen Nutzern könnte dieser Angriff selbst dann funktionieren, wenn der Nutzer ein Lesegerät der höheren Sicherheitsstufe hat, bei denen man die PIN normalerweise über das Lesegerät eingibt. Eigentlich sollte es dem Nutzer auffallen, wenn er die PIN plötzlich am Rechner eingeben soll – aber wie viele Nutzer, die von den Sicherheitskonzepten keine Ahnung haben, werden die PIN trotzdem über die Computertastatur eingeben, wenn der Computer sie dazu auffordert und die Eingabe über das Lesegerät nicht akzeptiert?

Um sich gegen diesen Angriff zu schützen, muss man lernen, falsche von echten Fenstern zu unterscheiden. Im Browser wird die Website in einem bestimmten Bereich angezeigt. Lässt sich ein Fenster aus diesem Bereich heraus verschieben, dann handelt es sich zumindest um ein richtiges Fenster. Allerdings können Webseiten auch Popup-Fenster öffnen, die sich dann frei verschieben lassen. Bei allen gängigen Browsern kann die Website dabei zwar viele Teile des Browserfensters ausblenden, aber die Adressleiste (bzw. bei Opera eine dünne Leiste mit der Website-Adresse) bleibt immer stehen, eben um zu verhindern, dass ein Popup für ein echtes Fenster gehalten wird. Der „Verschiebetest“ zusammen mit einem kritischen Blick auf das Fenster ist also ein guter allgemeiner Anhaltspunkt.

Darüber hinaus hat die AusweisApp (bei angeschlossenem Lesegerät) ein Chip-Symbol in der Taskleiste neben der Uhr, welches bei aufgelegter Karte grün wird. Ist die AusweisApp aktiv, wechselt es die Farbe zu Blau. Das ist ein weiteres Sicherheitsmerkmal, auf das man achten sollte. Da ich nicht ausschließen möchte, dass es möglich ist, die AusweisApp zu aktivieren und dann irgendwie zu überlagern, würde ich den Verschiebetest zusätzlich empfehlen. Seltsam aussehende Schrift im AusweisApp-Fenster ist übrigens kein Hinweis auf eine Fälschung: Die Schriften sehen auch in der echten AusweisApp seltsam aus.

Man kann falsche Fenster also durchaus unterscheiden – aber die Hinweise, wie man es macht und dass man es machen solte, fehlen in den Hochglanzbroschüren zum Ausweis. Von sich aus kommen selbst Fachleute selten auf die Idee, diese Prüfungen zu machen, solange nicht irgendetwas Verdacht erregt. Eine gute Fälschung tut das aber nicht.

Ist der Angreifer im Besitz der PIN, reicht dies allein zwar noch nicht, um die Identität des Ausweisinhabers zu missbrauchen – die PIN existiert aber nicht ohne Grund und sollte nicht nur zum Spaß geheimgehalten werden. Ein Beispiel für einen Angriff, für den eine gestohlene PIN nützlich wäre, wurde auf dem 27C3 präsentiert.

Warum ich den Ausweis auch unabhängig von der Lücke ablehne, steht in diesem Beitrag. Auf weitere grundsätzliche Probleme wie die Beweislastumkehr, die für Ausweisnutzer ein ziemlicher Nachteil ist, werde ich in weiteren Beiträgen eingehen wenn/falls ich dafür Zeit finde. Ich kann nur davon abraten sich so einen Ausweis zu holen, bzw. wenn man schon einen hat, ihn zu nutzen. Auch wenn Alufolie immer an Verschwörungstheoretiker mit Aluhüten erinnert – ein paar Lagen davon, um den Ausweis gewickelt und an den Seiten umgefaltet, verhindern das Auslesen sowohl beim Ausweis als auch bei anderen RFID-Karten zuverlässig.

Noch ein kleiner Hinweis für die Presse: Ich bin immer noch kein CCC-Mitglied, obwohl ich letztes Mal nach den Falschmeldungen eingeladen wurde ;-)

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