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Details zum Löschwahnsinn bei den Öffentlich-Rechtlichen

2010-07-14 20 Kommentare

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten werden vom 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag dazu gezwungen, ältere Inhalte von ihren Webseiten zu löschen. Da ich dazu ein paar Fragen hatte, habe ich einfach mal bei der ARD angerufen und möchte hier ein paar Details erläutern, die vielleicht nicht jeder kennt.

Zunächst aber für die, die noch nicht wissen, worum es geht, eine kurze Einführung ins Thema: Lobbyisten der Presse (und teilweise der Privatsender) befürchten, dass ihnen die Angebote der Öffentlich-Rechtlichen, insbesondere im Internet, Konkurrenz machen. Bedenkt man die Qualität der „Qualitätspresse“, könnten sie damit sogar recht haben. Der Kritikpunkt ist hierbei, dass diese Konkurrenz von den GEZ-Gebührenzahlern durch die Zwangsabgaben eine gesicherte Finanzierung habe und somit den Wettbewerb verzerren würde, da die privaten Konkurrenten ihr Geld selbst reinholen müssen. Das wurde im bei der Reform des Rundfunkstaatsvertrags berücksichtigt: Die öffentlich-rechtlichen Sender dürfen Inhalte nun nur noch für eine kurze Zeit online anbieten, und auch die Dinge, welche angeboten werden dürfen, wurden eingeschränkt.

Das betrifft jedoch nicht nur Dinge wie Texte oder Angebote, die speziell für das Internet erstellt werden müssten und somit Mehrkosten verursachen würden, sondern alle Inhalte – die der Gebührenzahler bezahlt hat. Während es sinnvoll erscheint zu verhindern, dass öffentlich-rechtliche Rundfunksender Flirtbörsen betreiben, werden gleichzeitig unter diesem häufig betonten Vorwand bereits erstellte Inhalte ohne wirklichen Grund unzugänglich gemacht. Das mag zwar die Interessen des Wettbewerbs bzw. der Lobbyisten schützen, was die Politik aber mal wieder vergessen hat, ist, dass es noch eine andere Interessengruppe gibt: Die Gebührenzahler. Diese haben den Inhalt bezahlt, und diesen wird genau der bezahlte Inhalt vorenthalten. Obwohl das Interesse der Öffentlichkeit eigentlich wichtiger sein sollte, wurde diese Seite der Medaille lieber nicht beachtet, denn da stecken keine Lobbyisten dahinter.

Die Folge ist nun, dass Inhalte je nach Art nur für einen bestimmten Zeitraum auf den Webseiten der öffentlich-rechtlichen Sender verfügbar sein dürfen. Dass es wohl kaum im Interesse der Gesellschaft liegen kann, Wissen und Inhalte zu verstecken und dadurch auch z. B. Blogbeiträgen die Quellenlinks zu entziehen, muss wohl kaum erwähnt werden. Eine Übersicht darüber gibt dieser tagesschau.de-Artikel. Ach, ich vergaß ja: Also zumindest für einige Zeit. Deswegen hier mal ein etwas längeres Zitat:

Alle tagessschau.de-Inhalte haben spätestens mit dem 1. September 2010 eine „Verweildauer“. Das heißt, sie dürfen nur noch für eine bestimmte Frist im Netz bleiben. Bei vielen Inhalten beträgt diese Verweildauer ein Jahr, zum Beispiel bei den meisten Meldungen und dafür ausgewählten einzelnen Tagesschau-Beiträgen. Viele Tagesschau-Sendungen und das Nachtmagazin bleiben als komplette Sendung dagegen nur sieben Tage on demand abrufbar. Eine Ausnahme bilden die Tagesschau-Sendungen um 20.00 Uhr und die Tagesthemen. Sie gelten als fortlaufende zeitgeschichtliche Archive und dürfen unbegrenzt angeboten werden. Gleiches gilt für Inhalte von zeitgeschichtlicher und kulturgeschichtlicher Bedeutung. Sie dürfen unbefristet in einem eigens auszuweisenden Archiv online bleiben. Eine weitere spezielle Regel gilt für Inhalte, die sich mit Wahlen befassen. Sie dürfen für die Dauer der Legislaturperiode angeboten werden.

Die Einzelheiten sind im so genannten Verweildauerkonzept geregelt – einem Teil des Telemedienkonzeptes.

Nun zu den Details, die ich erfragen konnte:
Beruhigend ist zunächst, dass die Inhalte zumindest bei Tagesschau.de, höchstwahrscheinlich aber auch bei der gesamten ARD und beim ZDF, nur „depubliziert“, also vom öffentlichen Auftritt gelöscht werden. Das bezieht sich auf sämtliche Inhalte, sowohl Texte als auch Videos. Die Rundfunkanstalten behalten Kopien im stillen Kämmerlein, sodass wenigstens kein irreparabler Schaden entsteht. Wenn wir es also in zehn, zwanzig Jahren schaffen, die Regelung wieder zu ändern, können die Inhalte hoffentlich wiederhergestellt werden.

Das ändert jedoch nichts daran, dass diese Inhalte für die Öffentlichkeit nicht mehr verfügbar sind. Wer sich daher über diese Regelung beschweren will, sollte das bei denen tun, die das verursacht haben. Die richtige Adresse hierfür wären die Staatskanzleien – auch wenn zu bezweifeln ist, dass die Politiker etwas an diesem Punkt ändern, werden sie sich weitere sinnlose Änderungen vielleicht etwas mehr überlegen.

Ein weiterer interessanter Punkt ist, dass die Löschverpflichtungen kein Geld sparen. Während das Verbot, „Offtopic“-Angebote zu betreiben, tatsächlich Geld sparen könnte, zwingen die Löschverpflichtungen nur, bereits bestehende Inhalte zu entfernen. Dadurch entstehen zusätzliche Kosten um die Inhalte zu sortieren und zu entfernen. Auf Nachfrage habe ich erfahren, dass durch die Regelungen nicht einmal bei Sportinhalten etc. Geld gespart wird, z. B. weil Lizenzen dadurch günstiger würden. Kurzum, es handelt sich um eine völlig sinnlose Zerstörung von durch den Gebührenzahler bereits geschaffenen Möglichkeiten des Zugriffs, die – auch offziell! – nur dazu dient, den privaten Anbietern unliebsame (und angeblich ungerechte) Konkurrenz vom Leib zu halten.

Ein Beispiel, warum das ein Problem darstellt, sieht man wunderbar im oben zitierten Absatz: „Eine weitere spezielle Regel gilt für Inhalte, die sich mit Wahlen befassen. Sie dürfen für die Dauer der Legislaturperiode angeboten werden.“ (was eine „großzügige“ Verlängerung der üblichen Frist darstellt. Für normale Tagespolitik dürfte das also nicht gelten!)
Das bedeutet, dass nach einer Legislaturperiode die Berichte und Sendungen mit den Wahlllügen der Parteien deutlich schwerer aufzutreiben sein werden. Wenn also bei der nächsten Bundestagswahl schwarz-gelb abgewählt wird, wird es spätestens bei der übernächsten Bundestagswahl schwierig die heute aktuellen Berichte zu finden (und zu verlinken), die erklären, warum man die nicht wieder zurückwill. Für die meisten Dinge dürfte das jedoch schon bei der kommenden Bundestagswahl zutreffen!

Natürlich sind die öffentlich-rechtlichen Sender von diesen Regelungen alles andere als begeistert, zumal sie die Kosten für diese sinnlose Kulturgutvernichtung aus ihrem Budget abzweigen müssen. Wenn jetzt jemand aber vorhat, die Inhalte von den Webseiten herunterzuladen und anzubieten, möge er folgende Dinge beachten:

1. Die technische Seite: Wenn genug Leute auf die gleiche Idee kommen, wird das eine unvorstellbar hohe Serverlast erzeugen. Sei ein Video einer Sendung 100 MB groß, erscheine die Sendung täglich, und möchte jemand 5 Jahre sichern, dann entsteht pro Person, die dies tut, eine Datenmenge von rund 180 GB. Diese Werte passen ziemlich genau z. B. für die Tagesthemen (die bleiben übrigens online). Machen das jetzt 100 Leute für 10 solcher Sendungen, reden wir von 180 TB, was einen vierstelligen Betrag an Kosten verursachen dürfte! Zusätzlich verursacht das „Abgrasen“ einer kompletten Website eine hohe Serverlast. Als Heise die Löschung des Heiseforums angekündigt hat, haben ein paar Leute versucht, das Forum zu sichern. Dadurch war es dann erstmal einige Zeit lang nicht erreichbar. Falls jemand also trotz der perversen Datenmengen, die auch gespeichert werden wollen, des Aufwand, der rechtlichen Probleme (siehe unten), der Tatsache, dass die Beiträge noch im Archiv aufgehoben werden sollen etc. das versuchen will, findet andere die das tun wollen sprecht euch ab! Wenn es viele alleine versuchen, scheitern alle und richten dabei einen massiven Schaden an.

2. Die rechtliche Seite: Die Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Obwohl sie mit Geldern der Allgemeinheit finanziert wurden, dürften sie (bis auf eventuell einzelne Ausnahmen) nicht „gemeinfrei“ (Public Domain) oder sonstwie für die allgemeine Nutzung freigegeben sein. Wie das Herunterladen für eine private Sammlung rechtlich aussieht weiß ich nicht, eine Veröffentlichung wäre jedoch ziemlich sicher eine grobe Urheberrechtsverletzung. Für manche Inhalte liegen Rechte bzw. Teile davon bei anderen Rechteinhabern, die darüber sicherlich nicht begeistert wären! (Oder schon, weil sich mit den Abmahngebühren gut verdienen lässt.)

Bei den Inhalten, deren Rechte vollständig bei den Öffentlich-Rechtlichen selbst liegen, könnte man natürlich denken, dass diese gerne ein Auge zudrücken würden – schließlich würden sie die Inhalte eigentlich gerne weiter anbieten, dürfen es nur nicht. Selbst wenn dies der Fall wäre und sie ihr Recht nicht aus Prinzip durchsetzen würden, könnte es immer noch sein, dass sie durch wen auch immer gezwungen würden, auch gegen den eigentlichen Willen der Verantwortlichen rechtlich dagegen vorzugehen. Wer also auf die Idee kommt, so ein Archiv öffentlich anzubieten, riskiert (neben den großen Trafficmengen) Ärger – den man aber selbstverständlich auch nutzen könnte, um für mehr Öffentlichkeit für diese lächerliche, lobbyfreundliche Regelung zu sorgen.

Zu Urheberrechten und öffentlich-rechtlichen Sendern möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich im Rahmen eines Blogbeitrags mal ein (etwas polemisches) Video erstallt habe, welches (kurze) Ausschnitte aus einer Phoenix-Talkshow enthielt. Einige Zeit nach der Veröffentlichung sah man beim ZDF das alleinstehende Video nicht ausreichend vom Zitatrecht gedeckt, und seitdem sieht es so aus und meinem YouTube-Account fehlen ein paar Features. Wenigstens gabs keine Klage oder Abmahnung und ich durfte es im Blogbeitrag drinlassen (Zitatrecht).

3. Für einige Inhalte dürfte es schon zu spät sein, soweit ich weiß begann das große aus-dem-Netz-nehmen schon vor einiger Zeit.

Zum Abschluss bleibt nur noch die Frage: Was nun?
Neben der Tatsache, dass diese unsinnige Regelung umgehend abgeschafft gehört, sollten meiner Meinung nach selbstproduzierte Inhalte der öffentlich-rechtlichen Sender unter eine freie Lizenz gestellt werden. Dadurch könnte der Gebührenzahler seine bezahlten Inhalte nicht nur besser nutzen, sondern solche Zensurideen wären von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Außerdem sieht man hier ein hervorragendes Beispiel, warum das Urheberrecht auch eine Gefahr darstellt, und wie in unserer Gesellschaft aus wirtschaftlichen Interessen sinnlos Dinge vernichtet werden – zwei weitere Bereiche, in denen dringend etwas getan werden muss. Viel zu tun für die PIRATEN

Falls die Öffentlich-Rechtlichen der Regelung ein Schnippchen schlagen möchten, könnten sie prüfen, ob es möglich ist, die Inhalte kurz vor der Deadline doch noch unter eine freie Lizenz zu stellen und sie gesammelt z. B. als riesige .torrent-Datei zur Verfügung zu stellen oder engagierten Aktivisten zu überspielen (irgendjemand spendet sicher genug Festplatten). Das Netz kümmert sich dann um den Rest. Das wird wohl leider nicht passieren, siehe z. B. die Antwort, die Alios bekommen hat. Falls doch: Ich wäre immer noch mit 1 TB und technischer Unterstützung im Rahmen meiner Möglichkeiten dabei.

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Erziehung im Fernsehen

2009-03-14 6 Kommentare

Bei RTL läuft zur Zeit die dritte Staffel von „Teenager außer Kontrolle – Letzter Ausweg Wilder Westen“, Kabel 1 bietet „Die strengsten Eltern der Welt“, und überhaupt haben Erziehungsshows wieder mal trotz Wirtschaftskrise Hochkonjunktur. Neben zahlreichen anderen Shows („Die Super Nanny“ etc.), denen ich mich hier nicht widmen werde, treten die beiden oben genannten Sendungen dadurch hervor, dass sie auf den ersten Blick ein ähnliches Konzept haben: Problematische Jugendliche werden einige Zeit in eine andere Umgebung gebracht, wo sie mehr oder weniger erzogen werden sollen. Auf diese beiden Sendungen möchte ich hier näher eingehen, da sie auf den ersten Blick ähnlich, auf den zweiten jedoch völlig unterschiedlich sind. Die Aussagen über „Teenager außer Kontrolle“ beziehen sich auf die schon vor einiger Zeit gesendete zweite Staffel, die ich mir vollständig angetan (Spaß macht sowas nicht, erträglich wird es nur dank 1,5-facher Abspielgeschwindigkeit per SMPlayer) und dabei auch fleißig Notizen gemacht habe (eine Seite habe ich leider vermutlich verloren, der Kram lag schon seit der 2. Staffel hier). Die Aussagen über „Die strengsten Eltern der Welt“ beziehen sich nur auf die Sendung vom 7.3.2009 ab 14:15 – nochmal tue ich mir so einen Marathon nicht an.

Zunächst einmal unterscheiden sich die Sendungen in der Auswahl der „Problemjugendlichen“: Während „Die strengsten Eltern der Welt“ eher für vergleichsweise harmlose Fälle von schwierigen Jugendlichen gedacht zu sein scheint, welche keine Lust haben den Müll rauszubringen (um es mal salopp zu formulieren), geht es in „Teenager außer Kontrolle“ primär um die wirklich üblen Problemfälle von Jugendlichen, die stark in Jugendkriminalität, Drogenmissbrauch etc. abgedriftet sind und ihre Umgebug terrorisieren. Bei beiden Sendungen gehe ich davon aus, dass die Jugendlichen möglichst übertrieben schlecht dargestellt werden. Bei „Teenager außer Kontrolle“ ist es offensichtlich und extrem, bei „Die strengsten Eltern der Welt“ noch vergleichsweise harmlos. Wie schlimm die Fälle wirklich sind, kann man als Außenstehender daher kaum beurteilen. Ich gehe im Folgenden davon aus, was in den Sendungen gesagt, behauptet oder suggeriert wird. Mir ist klar, dass das teilweise falsch sein wird, aber die Annahmen sind in den seltensten Fällen vorteilhaft für meine Bewertung der jeweiligen Sendung. Falls die Sender sich aufgrund ihrer eigenen Falschinformationen ungerecht kritisiert fühlen, dürfen sie gerne die entsprechenden Punkte richtigstellen.

Der zweite Unterschied ist die Art der Serie: Während bei „Die strengsten Eltern der Welt“ scheinbar jede Folge bei einer anderen Familie untergebracht werden und in jeder Folge auch andere Jugendliche behandelt werden, fand bisher jede Staffel von „Teenager außer Kontrolle“ in je einer amerikanischen Erziehungseinrichtung statt, wobei immer eine ganze Staffel eine Gruppe Jugendlicher begleitet. Soweit die Rahmenbedingungen.

In beiden Fällen wird den Jugendlichen offenbar verschwiegen, worauf sie sich einlassen. Wie freiwillig die Jugendlichen jeweils teilgenommen haben weiß ich nicht, eine informierte Entscheidung haben sie darüber aber wohl kaum treffen können. Im Fall von „Teenager außer Kontrolle“ gab für einen Teilnehmer die Wahl zwischen Teilnahme und Jugendknast, bei „Die strengsten Eltern der Welt“ wird angedeutet, dass ein „Abenteuerurlaub“ versprochen wurde. (UPDATE: In der „Oliver Geisen Show“ vom 17.3.09 – im Stream hier bei 0:33:10 – erzählt eine Teilnehmerin von „Teenager außer Kontrolle“, dass ihr ein „Ferienlager“ versprochen wurde.)

Da hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Schon mal vorweg: Während ich „Die strengsten Eltern der Welt“ recht gut finde, habe ich wegen der ersten Staffel von „Teenager außer Kontrolle“ die Staatsanwaltschaft gebeten, das ganze auf strafrechtliche Relevanz zu prüfen.

Wo liegen also die größten Unterschiede für die Jugendlichen? Nun, fangen wir mal bei der Dauer der Programme an. Bei „Die strengsten Eltern der Welt“ steht von vorne herein fest, dass der Austausch 10 Tage dauern wird. Selbst wenn es einem nicht gefällt, weiß man also, dass man nach 10 Tagen raus ist. Bei „Teenager außer Kontrolle“ ist es anders – die Dauer der „Therapie“ ist offen – so lange bis die Jugendlichen „die Therapie erfolgreich durchlaufen haben“, mindestens jedoch sechs Wochen. Davon werden mindestens drei damit verbracht, mit über 20 kg schweren Rucksäcken bis zu 15 km täglich durch die Wüste zu wandern, bei glühender Hitze tagsüber und -1 Grad Außentemperatur nachts, wenn die Jugendlichen in ihren Zelten schlafen müssen. Immer wieder wird damit gedroht, dass wer nicht mitmacht von vorne anfangen muss.

Bei „Die strengsten Eltern der Welt“ wurden die Jugendlichen diesmal bei einer religiösen Gemeinschaft untergebracht, in der recht strenge Regeln gelten und jeder hart arbeitet. Die diversen Regeln dieser Gesellschaft sind aus modern-westlicher Sicht natürlich schwer verständlich bis „mittelalterlich“, wie auch insbesondere die Kleidung, die die Jugendlichen tragen sollen. Das Mädchen beginnt zu weinen, als ihr die Umstände mitgeteilt werden, in denen sie die nächsten Tage leben wird, sowie die Tatsache, dass sie auch diverse Arbeiten erledigen muss (was sie daheim wohl recht erfolgreich vermieden hat). Ob die gegebene Begründung „Heimweh“ zutrifft oder es einfach nur zu viel auf einmal war, sei dahingestellt, offensichtlich unmenschlich ist das Ganze aber nicht gerade. Einen Fernseher gibt es nicht, MP3-Player sind nur im eigenen Zimmer erlaubt, und die Teilnehmerin soll ein Kleid tragen, welches – sagen wir einfach mal nicht gerade in die aktuellen Modevorstellungen passt. Als sie dies nicht will, wird das jedoch recht schnell akzeptiert und sie darf in ihren Jeans bleiben.

Nicht so bei „Teenager außer Kontrolle“ – die Jugendlichen bekommen nach ihrer Ankunft einheitliche Kleidung in Signalfarben, um sie bei Fluchtversuchen leichter finden zu können. Alle persönlichen Gegenstände werden ihnen abgenommen, sie müssen sich ausziehen und werden kontrolliert, damit sie keine Gegenstände am Körper verstecken. Piercings müssen (schmerzhaft) entfernt werden. Bei der nächtlichen Fahrt zur Wüste wird betont, dass die Nacht gewählt wurde,  damit die Jugendlichen sich den Weg nicht merken können, um später zu fliehen. (Ein weiterer erwünschter Nebeneffekt dürfte sein, dass sie müde sind und deswegen weniger Probleme machen.) Aber auch sonst dürfte die Fluchtgefahr gering sein – das Erziehungsprogramm setzt auf bewährte Methoden aus den russichen Gulags (Zwangsarbeits- und Umerziehungslagern). Diese waren teilweise nur leicht umzäunt – allerdings lagen in alle Richtungen mehrere dutzend Kilometer Eiswüste. Genauso wird verhindert, dass die gegen ihren Willen im Programm platzierten Jugendlichen sich aus dem Staub machen – Zivilisation ist mehrere Tagesmärsche entfernt, wie immer wieder betont wird. Allein dies dürfte deutlich machen, was von dem Programm zu halten ist. Wer jetzt davon ausgeht, dass sei ein Fake fürs Fernsehen: Ich glaube das leider nicht. Existenz und Vorgehensweise dieser Programme in den USA sind öffentlich, und auch Todesfälle sind dokumentiert.

Bei „Die strengsten Eltern der Welt“ kommunizieren die Jugendlichen regelmäßig mit ihren Eltern und können sich untereinander und mit der Gastfamilie unterhalten. Bei „Teenager außer Kontrolle“ ist jegliche Kommunikation anfangs verboten. Später dürfen sie Briefe von den Eltern empfangen, und sogar unter strenger Aufsicht mit ihnen telefonieren – aber erst, nachdem sie sich das „Privileg“ durch absoluten Gehorsam „verdient“ haben. Damit wird gleichzeitig sichergestellt, dass nur bereits gebrochene Jugendliche mit ihren Eltern sprechen und so wenig Kritik nach außen dringt. Aus ähnlichen Programmen ist bekannt, dass Versuche, die Eltern zum Abbruch der „Therapie“ zu bewegen, zu einer sofortigen Kontaktsperre bzw. einem Abbruch des Gesprächs führen oder zumindest damit gedroht wird. Die Eltern werden bei „Teenager außer Kontrolle“ generell wenig über den Verlauf des Programms informiert. (Zitat: „Ich finde es schade, dass bei euch das Netz so schlecht ist und wir nicht mehr erfahren können wie es bei euch läuft“)

In „Die strengsten Eltern der Welt“ müssen die Jugendlichen sich an den Arbeiten in der Gemeinde beteiligen – zum Beispiel den Boden mit einem Lappen wischen (weil Wischmöppe angeblich nicht so ein gutes Ergebnis bringen). Das ist zwar für westliche Verhältnisse unüblich und könnte als Schikane erscheinen, doch es ist dort üblich und alle anderen Gemeindemitglieder machen es genauso. Deswegen lässt die Teilnehmerin, die diese Aufgabe machen soll, sich auch recht schnell darauf ein. Die oft gezeigte Unwilligkeit, eine bestimmte Arbeit auszuführen, ist eindeutlig schlicht und einfach Faulheit. Rasenmähen, Waschen, Kochen oder das Zusammenbauen einfacher Möbel sind nicht gerade Arbeiten, die man Jugendlichen nicht zumuten könnte. Dennoch werden die Jugendlichen zu den Arbeiten nicht gezwungen. Einige Aufgaben (Traktor-Rasenmäher fahren) machen ihnen sogar Spaß, und auch an den Freizeitaktivitäten nehmen sie teil. Sie werden immer freundlich behandelt und keine der Aufgaben verletzt ihre Würde. Das einzige Problem was auftreten könnte ist mit der Religion bzw. der Teilnahme an Gebeten, aber auch hier scheint es keinen Druck oder gar Zwang gegeben zu haben mitzubeten.

Die Schikanen in „Teenager außer Kontrolle“ hingegen sind willkürlich und unmenschlich. Als Strafe für irgendein Vergehen muss ein Teilnehmer am Ende des Tagesmarsches 45 Minuten mit dem schweren Rucksack in der Sonne stehen. Wenn jemand nicht mehr kann, wird er weitergetrieben, schließlich sei er nur faul – Erschöpfung gibt es wohl nicht. Wer stürzt, hat das absichtlich gemacht, wer sich eine Druckstelle einhandelt, war zu faul, den Rucksack richtig zu packen. Auf weitere Details gehe ich später noch ein.

Hier möchte ich zunächst ein kurzes Fazit ziehen. Die Unterschiede dürften deutlich geworden sein. Natürlich sollte man berücksichtigen, dass die Programme an völlig unterschiedliche Arten von Jugendlichen gerichtet sind. „Die strengsten Eltern der Welt“ erreicht nur einen begrenzten Effekt, nur geringe Änderungen des Verhaltens der Teilnehmer. Dafür sind die Teilnehmer zufrieden und glücklich und haben auch während des Programms Spaß gehabt und wurden nie misshandelt.

„Teenager außer Kontrolle“ hingegen erreicht eine völlige Veränderung des Verhaltens. Die verwendeten Methoden sind mehr als fragwürdig, die Bezeichung „Gehirnwäsche“ durchaus passend. Ein Vergleich mit diversen Umerziehungsprogrammen totalitärer Regimes drängt sich geradezu auf. Ich bin mir sicher, dass einige nun sagen werden, dass dies trotzdem in Ordnung sei, schließlich werde den Jugendlichen eine kriminelle Karriere erspart etc. Dem möchte ich energisch widersprechen. Nicht umsonst ist die Würde des Menschen in Deutschland unantastbar, und nicht umsonst ist dies eine absolute Grenze, die nie überschritten werden darf, auch nicht zum langfristigen Wohle des Betroffenen. Die Debatte ist bereits in anderer Form geführt worden, z. B. beim Luftsicherheitsgesetz und beim Fall Daschner (Folter des Entführers zur Rettung einer Geisel), und dort eigentlich abschließend geklärt worden. Ich betrachte diesen Teil der Diskussion daher als abgeschlossen. Egal wie gut die Absichten sind – menschenunwürdige Methoden sind ausnahmslos durch nichts zu rechtfertigen.

Ich werde im Folgenden noch ausführlicher auf die Methoden von „Teenager außer Kontrolle“ eingehen.

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